Vortragsabstracts · talk abstracts

 

Prof. Dr. Ruth Wodak (Lancaster): "Normalisierung nach Rechts?" - Nationalismen und (Sprach)barrieren

Rechtspopulistische Parteien und deren Agenda beherrschen mehr und mehr öffentliche Diskussionen und Medienberichterstattung, sowohl in Europa wie auch anderswo (beispielsweise in den USA) (Wodak et al. 2013; Wodak/Richardson 2013). Traditionelle europäische Werte und Normen werden - manchmal unbemerkt, oft intendiert - verändert; autoritäre Tendenzen von vielen akzeptiert, und Parteien mit faschistischer und NS-Vergangenheit gelangen in den Mainstream. Sicherheitsdenken legitimiert Ausgrenzung; die 'Festung Europa' nimmt auch materielle Formen an, beispielsweise durch das Errichten neuer Mauern (wie in Griechenland oder Spanien).

In meinen Ausführungen werde ich vor allem vier widersprüchliche Tendenzen diskutieren, die Diskurse über europäische und nationale Identitäten neuerdings charakterisieren, anhand der diskurshistorischen Analyse typischer Reden, Plakate und Slogans aus einigen Mitgliedstaaten der EU, auch im Vergleich zu der Tea Party in den USA. Dabei fokussiere ich vor allem zwei diskursive Strategien – ‚kalkulierte Ambivalenz‘ und ‚Provokation‘ -, wie auch zwei vorherrschende Frames: 'Angst/Unsicherheit' und die 'Arroganz der Ignoranz'.

Engel, J. & Wodak, R. (2009). ‚Kalkulierte Ambivalenz, "Störungen" und das "Gedankenjahr": Die Causen Siegfried Kampl und John Gudenus‘. In: de Cillia, R. & R. Wodak (Eds.), Gedenken im "Gedankenjahr": zur diskursiven Konstruktion österreichi­scher Identitäten im Jubiläumsjahr. Studienverlag: Inns­bruck, 79–100.
Köhler, K. & Wodak, R. (2011). ‚Mitbürger, Fremde und ‘echte Wiener’. Ein- und Ausgrenzungen über Sprache‘. Deutschunterricht 6 (11), 64-74.
Wodak, Ruth (2014). The Politics of Fear – Analysing Right-wing Populist Rhetoric London: Sage (in press).
Wodak, R. & Reisigl, M. (in press). ‘Discourse and Racism’. In D. Schiffrin, D. Tannen & H. Hamilton (Eds.) The Handbook of Discourse Analysis. Oxford: Blackwell (2nd revised edition).
Wodak, R. & Richardson, J. (Eds.) (2013). Analysing Fascist Discourse. European Fascism in Text and Talk. London: Routledge.
Wodak, R., KhosraviNik, M. & Mral, B. (Eds.) (2013). Rightwing Populism in Europe: Politics and Discourse. London: Bloomsbury.

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Prof. Dr. Jürgen Link (Dortmund): Normale Links-Rechts-Mitte-Extreme-Demokratie und ihre Denormalisierungen

Nach Niklas Luhmann lautet der politische Binärcode "Regierung/Opposition". Dabei ist die repräsentativ-parlamentarische Form der Demokratie vorausgesetzt. Tatsächlich lautet der operationale Binärcode aber (wenn auch in keiner Verfassung formuliert): Links vs. Rechts, in Kombination mit Mitte vs. Extreme. Dabei handelt es sich um die politische Spielart eines Normalitäts-Dispositivs (mit dem heimlichen Ideal einer Quasi-Normalverteilung der Wählenden). Es sollen die Bedingungen des Funktionierens dieses Dispositivs sowie seine Grenzen erörtert werden. Dabei wird der Rolle des entsprechenden mediopolitischen Diskurses besonderes Augenmerk geschenkt. Die Grenzen der Funktionsfähigkeit des Dispositivs erweisen sich als verschiedene Spielarten von Denormalisierung auf einer Achse mit den Polen "Postdemokratie" ("autoritär gelenkte Demokratie", "Technokratie", "Kontrollgesellschaft", "invisibilisierte Dienstediktatur") und "Volldemokratie" ("radikale, direkte, uneingeschränkte Demokratie", "Multitude-Demokratie").

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Prof. Dr. Wolf-Andreas Liebert (Koblenz): Das Unbehagen in der Demokratie. Ein kulturanalytischer Zugang

Obwohl sich die Linguistik bereits seit einiger Zeit mit politischem Sprachgebrauch auseinandersetzt und viele Einzelstudien – insbesondere aus der Politolinguistik, der Kritischen Diskursanalyse und der Düsseldorfer Diskursforschung – vorliegen, wurde die grundsätzliche Frage nach Sprache und Demokratie, oder was denn eine linguistische Demokratieforschung sein könne, bislang nur ansatzweise gestellt, beispielsweise in den Arbeiten von Heidrun Kämper. Anhand gegenwärtiger Debatten um die Demokratie soll diese grundsätzliche Frage vertieft werden. Dass Demokratie und das Reden in der und über die Demokratie fraglich wird, rührt von einem Unbehagen her. Dieses Unbehagen speist sich aus widersprüchlichen Wahrnehmungen: Die Demokratie hat scheinbar auf der ganzen Linie gesiegt und steht weltweit konkurrenzlos da; nun verschaffen sich aber auch totalitäre Regime wie zuletzt Nordkoreas Kim Jong-un durch „demokratische“ Wahlen Legitimität. Diese widersprüchlichen Wahrnehmungen beziehen sich aber auch auf die westlichen Demokratien selbst: Sie sind durch die Globalisierung anderen mächtigen Akteuren ausgesetzt, so dass das Unbehagen auch durch die Frage entsteht, wer denn letztlich die Politik bestimme: die gewählten Abgeordneten und die gewählten Regierungen oder ein komplexes und undurchschaubares Netzwerk von Lobbyisten? Dieses Unbehagen hat Colin Crouch mit dem Begriff der Postdemokratie auf den Punkt gebracht. Betrachtet man gegenwärtige Konfliktlinien, so fällt auf, dass in der Diskussion um Demokratie einige Begriffe prominent sind, die in der Wahrnehmung der Akteure sowohl utopisches als auch ideologisches Potenzial besitzen, welches auch ausgespielt wird. Dazu zählen die Begriffe Partizipation, Transparenz und Selbstermächtigung. Anhand dieser Begriffe soll das eben angesprochene Unbehagen weiter untersucht werden. Gerade an der Selbstermächtigung lässt sich zeigen, dass sich zunehmend eine „Grauzone“ der Demokratie auftut, in der insbesondere das rechtsstaatliche Prinzip eigenmächtig interpretiert wird (vgl. Albrecht/Geulen/ Gebhardt/Liebert). Voraussetzung für diese demokratische Grauzone ist eine flächendeckende Verbreitung der neuen Medien, durch die techno-soziale Netzwerke je nach Situation punktuell aktiviert werden können. Dazu zählen gerade unpolitische Netzwerke, die sich plötzlich auf einen konkreten Anlass bezogen politisieren und als politische Aktivisten auftreten. Fallbeispiel soll die Debatte um Sibylle Lewitscharoff und ihre Äußerungen zur Reproduktionsmedizin sein, es soll aber auch auf andere Fälle von Schwarmbildungen und Selbstjustiz im Netz insbesondere mit Bezug auf Garfinkels Konzept der Degradierungszeremonie eingegangen werden. Dies geschieht nicht in der Absicht, eine vollständige Diskursanalyse vorzulegen, sondern um Grundlinien für die linguistische Bearbeitung des Themas Sprache und Demokratie aus kulturanalytischer Perspektive abzustecken und Möglichkeiten einer linguistischen Demokratieforschung zu eröffnen.

Albrecht, Clemens / Gebhardt, Winfried / Geulen, Christian / Liebert, Wolf-Andreas (2012): Was bedeutet Selbstermächtigung? http://www.autonomies.de, Zugriff am 13.3.2014.
Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Frankfurt/Main: Suhrkamp. (=edition suhrkamp; 2540).
Garfinkel, Harold (1956): Conditions of Successful Degradation Ceremonies. In: American Journal of Sociology, 61 (5): 420–424.
Kämper, Heidrun (2012): Aspekte des Demokratiediskurses der späten 1960er Jahre. Konstellationen – Kontexte – Konzepte. Berlin/New York: de Gruyter, 2012. (=Studia Linguistica Germanica; 107).

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Prof. Dr. Helmuth Feilke / Dr. Martin Steinseifer (Gießen): Eristische Literalität und Kontroversenkompetenz

Wissenschaftsprachliche Formen stehen in der Ambivalenz von sozialer Exklusivität und partizipatorischem Anspruch: Sie sind ohne Zweifel im Sinn eines spezialistischen und insofern elitären kommunikativ-epistemischen Habitus geprägt. Zugleich aber stellt das wissenschaftssprachliche Inventar die sprachlich ausgebauten Werkzeuge der Diskussion und Kritik von Geltungsansprüchen zur Verfügung. Sie sind gleichermaßen Ressource und Modell der Teilnahme an Erkenntnissprozessen und einer Demokratisierung des Wissens. Die fachübergreifende "wissenschaftliche Alltagssprache" (Ehlich) hat damit ein wissenschaftspropädeutisch allgemeinbildendes Potential.

Der Vortrag stellt theoretische Konzepte und Beobachtungen aus einem Projekt zum Erwerb wissenschaftlicher Schreibfähigkeiten vor. Im Zentrum des Interesses steht die eristische Literalität. Darunter wird die Fähigkeit verstanden, kontroverse Positionen in Fachdiskursen als solche darstellen, metadiskursiv reflektieren und für die eigene Problembearbeitung nutzen zu können. Die Datengrundlage bilden Formen der Integration von Zitaten und der Bewertung des Zitierten in Texten von Studierenden, die die Aufgabe hatten, eine wissenschaftliche Kontroverse darzustellen (Kontroversenreferate). Die Analysen der Rahmenformulierungen von direkt und indirekt zitierten Passagen zielen auf die typischen sprachlichen Werkzeuge des Referierens, Qualifizierens und Diskutierens anderer Positionen. Sie lassen sich beziehen auf die Differenz zwischen replikativer und eristischer Literalität – verstanden als Differenz zwischen einem Modus des Schreibens, der andere Texte als Wissensspeicher nutzt, und einem Modus, der mit den in ihnen erkennbaren Positionen streitet.

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Dr. Georg Weidacher (Graz): Polyphonie und/oder Kakophonie: Bewirkt der durch Online-Medien induzierte Wandel kommunikativer Praxen eine Demokratisierung der politischen Kommunikation?

Das Internet als neues Medium und insbesondere Soziale Medien wie z.B. Facebook erlauben einer größeren Anzahl von "normalen" Staatsbürgern, an politischen Prozessen teilzunehmen. Gegenüber den in den letzten Jahrzehnten das politisch-kommunikative Handeln bestimmenden Massenmedien bieten diese Kommunikationsplattformen vor allem erweiterte Möglichkeiten, selbst kommunikativ aktiv zu werden bzw. auf Kommunikationsakte politischer Akteure direkt zu reagieren. Auf diese Weise werden auch "Stimmen aus dem Volk" hörbarer. Auf der anderen Seite erfordern die anders gearteten "affordances" und "constraints" des neuen Mediums eine Anpassung von Form und Stil der dort stattfindenden politischen Kommunikation durch Politiker bzw. ihre Sprecher/Kommunikatoren. Das Sprachverhalten dieser professionellen politischen Akteure verändert sich, indem es sich an den neuen medialen Gegebenheiten ausrichtet. Faktoren wie Multimodalität, Ergodizität, "fluidity" (vgl. Barton/Lee 2013, 26), Interaktivität und Heteroglossie müssen berücksichtigt werden und bestimmen daher die sich herausbildenden oder sich wandelnden kommunikativen Praxen politischer Online-Kommunikation.

Als Ergebnis dieser Entwicklungen – der Partizipation breiterer Bevölkerungsschichten an politischer Kommunikation einerseits und der medial induzierten Adaptierung kommunikativer Handlungen auf Seiten der Parteien und Politiker andererseits – lässt sich im online geführten politischen Diskurs eine gesteigerte sprachliche, aber auch generell semiotische Polyphonie (im Sinne Bachtins) erkennen.

Wenn man nun als ein prägendes Merkmal demokratischer Gesellschaften die Möglichkeit – auch sprachlicher – Partizipation für möglichst viele anerkennt und eine Diversifikation der sprachlichen und generell kommunikativen Handlungsmöglichkeiten als dementsprechenden Fortschritt betrachtet, stellt sich die Frage, ob man von einer Demokratisierung der politischen Kommunikation unter den medialen Bedingungen des Internets sprechen kann. Allerdings lassen manche – wenig rational-argumentativen und zum Teil sogar hetzerischen – Beiträge insbesondere in Diskussionsforen und auf politischen Facebook-Seiten bezweifeln, ob die genannten Entwicklungen tatsächlich einer Demokratisierung förderlich sind. Anstelle von Polyphonie meint man zuweilen eine Kakophonie von Stimmen zu vernehmen.

Mit diesen neueren Entwicklungen politischer Sprachverwendung unter den medialen Bedingungen des Internets werde ich mich in meinem Vortrag beschäftigen. Dabei wird die Frage im Zentrum stehen, inwieweit sprachlich-semiotische Polyphonie, z.B. in Form einer Diversifikation von Sprachvarietäten, Argumentationsweisen und semiotischen Stilen zu einem geänderten "entexting" (Kress 2010, 173) sozialer Relationen zwischen politischen Akteuren und den Staatsbürgern führt und ob im Zuge dessen die geänderten kommunikativen Praxen Ausdruck – oder Auslöser – einer Entwicklung in Richtung einer demokratischeren Gesellschaft sind.

Androutsopoulos, J. (2010): Multimodal – intertextuell – heteroglossisch: Sprachgestalten in "Web 2.0”-Umgebungen. In: A. Deppermann/A. Linke (Hrsg.): Sprache intermedial. Berlin/New York: De Gruyter, S. 419-445.
Barton, D./Lee, C. (2013): Language Online. Investigating Digital Texts and Practices. London/New York: Routledge.
Castells, M. (2009): Communication Power. Oxford: OUP.
Fairclough, I./Fairclough, N. (2012): Political Discourse Analysis. London/New York: Routledge.
Devitt, A. J. (2004): Writing Genres. Carbondale: Southern Illinois University Press.
Kress, G. (2010): Multimodality. A social semiotic approach to contemporary communication. London/New York: Routledge.

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Prof. Dr. Josef Klein (Koblenz/Berlin): "Abstimmungserläuterungen" nach Schweizer Vorbild – eine ideale direkt-demokratische Textsorte?

Direkte Demokratie bedeutet, dass nicht in erster Linie gewählte PolitikerInnen als politische Entscheidungsträger fungieren, sondern die Bürgerschaft – nicht nur durch Wahlen wie in der repräsentativen Demokratie, sondern auch durch Abstimmung über Sachfragen. Je relevanter die Entscheidungen und je komplexer die mit ihnen verbundenen Probleme sind, umso wichtiger ist die Informiertheit der Abstimmenden. Nach dem Grundsatz "Qualifizierte Meinungsbildung setzt qualifizierte Information voraus" sieht das Schweizerische Bundesgesetz über die politischen Rechte (BPR) in Art. 11 vor, dass der Bundesrat (= Schweizer Bundesregierung, J. K.) vor Volksabstimmungen allen StimmbürgerInnen einen mehrteiligen Text, die sog. "Abstimmungserläuterungen", zuschickt. Sie enthalten neben dem Gegenstand der Entscheidung (meist eine Gesetzesformulierung) eine knappe ´allgemeinverständliche` Darstellung dieses Entscheidungsgegenstandes, vor allem aber eine von den Befürwortern formulierte Pro- und eine von den Gegnern formulierte Kontra-Argumentation – eine davon stets als Argumentation des Bundesrats.

Vielfach werden die Schweizerischen Abstimmungserläuterungen als ideale direkt-demokratische Textsorte bewertet und dienen, z.B. in deutschen Bundesländern, als Vorbild für die informatorische Vorbereitung der Abstimmenden bei Volksentscheiden.

In dem Vortrag werden zum einen die typische Struktur der Pro- und Kontra-Argumentationen (Topik, Verständlichkeitsgebot, Polemikverbot, Ausführlichkeitsgrade) erläutert und zum anderen ihre - tatsächlichen oder vermeintlichen - Stärken (Allgemeinverständlichkeit, ´Sachlichkeit`, Konzentration auf die diskursdominierenden Positionen und Argumente), vor allem aber auch ihre Schwächen (Aneinander-Vorbei-Argumentieren und insbesondere die beinahe vollständige Abwesenheit sprachreflexiv-sprachkritischen Argumentierens) herausgearbeitet. Die Schwächen betreffen sowohl die Struktur der "Abstimmungserläuterungen" als auch ihre Handhabung.

Als exemplarische Datenbasis dienen die Abstimmungserläuterungen zu den Volksabstimmungen über die Volksinitiativen "Gegen den Bau von Minaretten" (29. 11. 2009) und "Gegen Masseneinwanderung" (9. 2. 2014) in der Schweiz sowie die "Amtliche Information zum Volksentscheid über die Rekommunalisierung der Berliner Energieversorgung" (3. 11. 2013) auf Landesebene in Deutschland.

Als normative Orientierungspunkte bei der Textsortenkritik sowie bei einigen Vorschläge zur linguistisch fundierten Korrektur von Schwachpunkten dienen von Habermas und Grice inspirierte kommunikationsethische Kategorien – allerdings ohne Habermas` konsenstheoretische Position zu übernehmen.

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Dr. David Salomon (Siegen): Demokratie als rhetorischer Strategiekern

"Demokratie" ist ein politischer Begriff und als solcher umstritten. Politische Begriffe zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht lediglich etwas beschreiben, sondern mit Handlungsoptionen verbunden sind: Sie wirken als Strategiekerne in der politischen Praxis. Mit dem Begriff der Demokratie verbinden sich höchst unterschiedliche politische Strategien. Die unterschiedlichsten politischen Richtungen, Bewegungen, Regierungen nennen sich "demokratisch", die unterschiedlichsten politischen Systeme werden als "demokratisch" bezeichnet, wobei – gerade im Sprachgebrauch der westlichen "Demokratien" – das Prädikat "demokratisch" frei mit "besonders wertvoll" übersetzt werden kann. Der Vortrag geht von konkreten rhetorischen Klassifizierungen als "demokratisch" oder "undemokratisch" aus und fokussiert dabei vor allem auf zwei antagonistische Strategien: Während Konzeptionen einer "sozialen Demokratie" Demokratie als unabgeschlossenen Prozess begreifen und die Demokratisierung der Gesellschaft (einschließlich der Wirtschaft) fordern, geht es Konzepten liberaler Demokratie gerade um die Beschränkung des Demokratieprinzips auf den Raum institutionalisierter Politik.

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Dr. Matthias Burchardt (Köln): Organisierte Dialoge als Partizipationsattrappen in der Propagandademokratie

Ob NSA-Spionage, Freihandelsabkommen, unausgewogene Berichterstattung zur Krim-Krise, Bankenrettung, interessengeleitete Bildungsreformen oder umstrittene Großprojekte: Bürgerinnen und Bürger beklagen Demokratieverluste, mahnen Gestaltungsmöglichkeiten an und tragen ihr Unbehagen in die Öffentlichkeit. Dabei sind verantwortliche Adressaten nicht ohne weiteres auszumachen. Politiker sehen sich oft nur als ohnmächtige Funktionäre unter dem Druck von Sachzwängen und Politikwissenschaftler verweisen auf die post-demokratischen Konstellationen, auf das Abwandern der Macht in die Hände von Internationalen Organisationen und privaten Stiftungen. Auf der anderen Seite ist viel von ›Transparenz‹, ›Dialog‹, ›Teilhabe‹ oder ›Partizipation‹ die Rede, Begriffe, die einen emanzipatorischen Aufbruch beschwören. Der Vortrag versucht diese Konzepte am Beispiel von Aktivitäten und Publikationen der Bertelsmann Stiftung als Demokratie-Attrappen zu découvrieren und aus bildungsphilosophischer Sicht nach Voraussetzungen für tatsächliche Demokratie zu fragen.

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Prof. Dr. Martin Reisigl (Bern): Populismus und Demokratie – Reflexionen zu einem komplexen Verhältnis

Populismus ist ein inhaltsbezogener Modus der politischen Artikulation und Syndrom für eine Krise der politischen Repräsentation. Prototypisch gliedert er sich nach einem vertikalen und einem horizontalen Antagonismus: Dem affirmativ angerufenen Volk stehen als interne Feinde "die da oben" und als externe Feinde "die da draußen" (z. B. die AusländerInnen, die EU, die Musliminnen und Muslime) gegenüber. Der populistische Artikulationsmodus ist immer an eine bestimmte soziale Trägerschaft geknüpft, die je nach ideologischer Ausrichtung des Populismus variieren kann.

Um diese Trägerschaft zu erreichen und politisch zu mobilisieren, bedient sich der Populismus bestimmter rhetorischer Mittel (z. B der Synekdoche vom Typ des totum pro parte und des Topos des Volkes bzw. argumentum ad populum) und in der Regel der zu einer Zeit jeweils modernsten Massenmedien. Sie stehen im Dienst der phatischen Sprachfunktion und sind eine grundlegende kommunikative Voraussetzung, damit in modernen Mediendemokratien, in denen Politainment und direkte Interaktion immer relevantere Größen sind, der kommunikative Radius effizient vergrößert, "Volksnähe" inszeniert und Kontakt zu neuen (v. a. jungen) Wahlsegmenten hergestellt werden können.

Der gegenwärtige Erfolg rechts- und linkspopulistischer Parteien in westlichen Mediendemokratien beruht mithin stark auf dem systematischen Einsatz neuer sozialer Medien. Der österreichische Rechtspopulist Heinz-Christian Strache, Nachfolger von FPÖ-Chef Jörg Haider, verweist etwa stolz auf seine über 190.000 friends auf Facebook. Nicht zuletzt über das Internet finden auch EU- und fremdenfeindliche Comics und Rap-Songs der FPÖ erheblich Verbreitung. In meinem Beitrag wird es in erster Linie um solche gegenwärtige Manifestationsformen des Populismus in modernen Mediendemokratien gehen. Meine Diskussion des Verhältnisses von Populismus und Demokratie wird im Besonderen um die Frage kreisen, inwiefern Populismus ein demokratieinhärentes und inwiefern es ein demokratiegefährdendes Phänomen sein kann. Empirisch in den Blick kommt rechtspopulistische Rhetorik in Österreich und der Schweiz.

Diehl, Paula (2012). Populismus und Massenmedien. Aus Politik und Zeitgeschichte, 62 (5-6), 16-22.
Meyer, Thomas (2006): Populismus und Medien, VS Verlag, Wiesbaden. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung Bonn.
Meyer, Thomas (2006): "Populismus und Medien". In: Frank Decker (Hg.): Populismus in Europa. VS Verlag, Wiesbaden.
Reisigl, Martin (2012): Zur kommunikativen Dimension des Rechtspopulismus. In: Sir Peter Ustinov Institut, Pelinka, Anton, Haller, Birgitt (Hrsg.): Populismus – Herausforderung oder Gefahr für die Demokratie? Wien: Braumüller. S. 141-162.

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Prof. Dr. Martin Haase (Bamberg): Nebelsprech – Sprechen in der parlamentarischen Demokratie

Auf den Sprachwissenschaftler Victor Klemperer geht folgende Feststellung zurück: "Was jemand willentlich verbergen will, sei es vor anderen, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: Die Sprache bringt es an den Tag." Selbst das Bemühen um sprachliche "Vernebelung" erweist sich bisweilen durchaus als erhellend. Das hängt damit zusammen, dass neben der Bedeutung von Wörtern (Denotation) auch immer eine Konnotation enthalten ist: der emotionale Gehalt der Wörter. Allerdings beschränken sich oft leicht durchschaubare Vernebelungsstrategien nicht auf den Wortschatz, sondern betreffen auch Grammatik und vor allem Pragmatik.

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Jakob Norberg (North Carolina/USA): Language, Democracy, and the Problem of the Cliché

"Während andere Güter durch vielfältigen Gebrauch abnehmen, werden Sprachen dadurch reicher."
This paper disputes the claim above by means of a reconstruction and clarification of George Orwell’s arguments in his famous essay "Politics and the English Language."

To begin with, Orwell criticizes abuses of language from a democratic standpoint. He asserts that specialized jargon, overcomplicated sentence structures, foreign words, and sly euphemisms can work to prevent sections of the population from understanding and participating in politically relevant events and processes. People and institutions in a genuinely democratic society must use transparent and comprehensible language for the purpose of including as many citizens as possible in collective deliberations.

However, Orwell also notices another tendency in language use, one that ultimately compels him to qualify his call for a democratically appropriate language. Specifically, he describes how many people’s use of particular expressions can lead to overuse, which in turn makes these expressions seem stale, dull, and even vacuous. Orwell asserts the superiority of "fresh" and "home-made2 turns of speech over the "familiar phrases" and "worn-out metaphors” that make up a "lifeless, imitative style," which in turn threatens effective communication. In other words, newly coined and unfamiliar phrases possess the value of being fresh, vivid, and stimulating, but this value is depleted over time through constant and prolonged use.

The problem Orwell describes is the problem of the cliché. The cliché constitutes an example of how the value of individual formulations (but not language as a whole) is threatened by overuse. In a sense, formulations are subjected to the dynamic of the "tragedy of commons" (G. Hardin): the cumulative use of an asset (in this case, the freshness and vivacity of an expression) by multiple agents eventually spoils that very asset. The emergence of clichés – that is, overused expressions – cannot be prevented, because language cannot be privatized or monopolized. The only thing that Orwell can propose is that writers should never use a phrase or metaphor which one is "used to seeing in print."

In sum, Orwell does not believe it is sufficient to speak and write democratically, i.e. speak in a way that is comprehensible to most. One must also speak innovatively, i.e. avoid speaking in a way that other people already have spoken and speak. Otherwise, language becomes "lifeless” and hence ineffective. In the domain of language, democracy should not be uniformity.

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Marion Löffler (Wien): Undemokratische Rhetorik im österreichischen Nationalrat Deliberative oder radikale Demokratie?

Was macht Demokratie demokratisch? Ist es Konsens oder Dissens? Diese Frage ist demokratietheoretisch umstritten. Während deliberative Ansätze auf die Möglichkeit eines (rationalen) Konsenses setzen (Habermas), machen radikaldemokratische DenkerInnen (wie Rancière oder Mouffe) den Streit zum eigentlichen Definitionsmerkmal von Demokratie. Beide Richtungen betonen, dass es in der Demokratie um den Umgang mit Vielfalt und Differenz geht, beide räumen dabei der Sprache (Kommunikation/Rhetorik) einen zentralen Stellenwert ein, und beide wenden ihre Aufmerksamkeit von den klassischen demokratischen Institutionen ab. Dies findet eine Entsprechung in der politikwissenschaftlichen Forschungspraxis: Bürgerforen als deliberative Arenen oder Protestbewegungen als radikaldemokratische Alternative zu institutioneller Politik rücken ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Demgegenüber möchte ich die Aufmerksamkeit wieder auf eine "altmodische" Einrichtung lenken: das Parlament – genauer – das Plenum. Das parlamentarische Plenum ist sicher nicht der Ort, an dem Deliberation im klassischen Sinn stattfindet. Hier wird nicht beratschlagt, sondern gekämpft. Es ist aber auch nicht eine Arena des Streits, wie sie radikaldemokratische Theorien entwerfen, zumal der parlamentarische Disput eher einer Inszenierung entspricht, denn eines grundlegenden "Unvernehmens" (Rancière). Dennoch bildet es das sichtbare und symbolische Zentrum repräsentativer Demokratie. Das Parlament versorgt die Regierung mit Legitimation, zumal nur die Abgeordneten demokratisch gewählt sind. Es fungiert als "Tribüne" und konstituiert somit politische Öffentlichkeit im engeren Sinn. Es ist daher nicht unerheblich, was ParlamentarierInnen im Plenum sagen und tun, wie sie miteinander umgehen und wie sie dabei Demokratie inszenieren. Die Art des Sprechens im Parlament – so die These – kann als Gradmesser einer demokratischen politischen Kultur fungieren.

Ich möchte diese Überlegungen mit einigen Ergebnissen aus einem Forschungsprojekt erläutern, das wir derzeit an der Universität Wien durchführen. Hierin untersuchen wir den Umgang mit antisemitischer Rhetorik im österreichischen Nationalrat nach 1945. Antisemitische Äußerungen im Plenum können insofern als "undemokratisches Sprechen" aufgefasst werden, als sie darauf verweisen, dass der Sprecher/die Sprecherin nicht fähig oder willens ist, mit gesellschaftlicher Pluralität und Diversität umzugehen, die ihrerseits als Kennzeichen moderner Demokratien gelten. Dabei lassen sich seit 1945 gravierende Veränderungen und somit auch ein Wandel der politischen Kultur (im Parlament) in Österreich beobachten.

Für die österreichische Nachkriegsentwicklung können drei große Phasen unterschieden werden, die auch eine Veränderung im demokratischen Selbstverständnis anzeigen: die Phase der großen Koalitionen bis 1966, die Phase der Alleinregierungen bis 1983 und die Phase wechselnder Koalitionen seither. War die erste durch einen "Elitenkonsens" geprägt, der Konsens zwischen den großen politischen "Lagern" zum Inbegriff politischer Stabilität erhoben hat, so war die zweite von wechselseitigem Misstauen durchzogen, das sich mitunter in heftigen antisemitischen Anfeindungen und Antisemitismusvorwürfen niedergeschlagen hat. Doch erst in die dritte Phase fallen vergangenheitspolitische Aufarbeitung und Pluralisierung der politischen Landschaft. Der gesellschaftliche Dissens wird im Plenum vor allem zwischen den Oppositionsparteien ausgetragen.

Anhand dreier Plenardebatten aus den unterschiedlichen Phasen soll gezeigt werden, dass und wie sich die Rhetorik im Parlament verändert hat. Darüber hinaus soll der Frage nachgegangen werden, wie diese Veränderungen der politischen Sprache demokratietheoretisch gedeutet werden können. Herangezogen werden solche Debatten, in denen das Verständnis von Demokratie einerseits und der Sprachgebrauch im Plenum andererseits selbst zum Gegenstand der Debatte werden.

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Pamela Steen (Leipzig): Politisches Charisma als Diskursereignis: Machtkonstruktion durch Transzendenzbehauptung

"Charisma. Das Geheimnis der besonderen Ausstrahlung" titelte Der Spiegel in seiner 46. Ausgabe 2012 und gestaltete sieben Cover mit "charismatischen" Personen aus Politik, Sport und Entertainment. In den (deutschen) Medien ist das Phänomen Charisma seit 2009 wieder auffällig präsent, seit Karl Theodor zu Guttenberg Bundeswirtschaftsminister wurde und Barack Obama USPräsident. Beiden demokratisch gewählten Politikern wurde Charisma attestiert. Bundespräsident Wulff hingegen versagte 2012 nach Ansicht der Medien, weil er gerade kein Charisma hatte. Die Medien konstruieren diese "Gnadengabe" als inhärente oder fehlende Identitätsfacette besonderer Persönlichkeiten. Aus diskuslinguistischer Perspektive ist Charisma als sprachlichmediale Zuschreibung 1. Ausdruck einer spezifischen Einstellung in Bezug auf eine Person und verweist 2. auf eine ihr zugrunde liegende soziale Sinn- und Beziehungsstruktur. Als Instrument der Einstellungslenkung besitzt Charismatisierung handlungsleitende Funktionen, die demokratische Prozesse beeinflussen können.

Max Weber bezeichnet mit dem Ausdruck Charisma in seinem 1922 posthum erschienen Werk "Wirtschaft und Gesellschaft" einen Herrschaftstypus, der als residuale Kategorie nicht bereits legal oder traditional legitimiert ist. Charismatische Herrschaft ist irrational legitimiert, basiert auf dem Glauben der Anhängerschaft an übernatürliche, übermenschliche oder mindestens spezifische außeralltägliche Eigenschaften und Kräfte einer Führerfigur (vgl. Weber 1922, 140). Soziologische Arbeiten, die sich heute mit dem Phänomen des politischen Charisma beschäftigen (vgl. Jentges 2010, Tänzler 2007, Fasel 2001) konstatieren eine Trivialisierung durch mediale Inszenierungen der Privatsphäre, Maskensprünge und symbolische Bedeutungsaufladungen. Trivialisierung im Sinne einer "demokratisierten Ausstrahlung" (Fasel 2001, 57) ist jedoch nicht mit Wirkungslosigkeit gleichzusetzen. Im Gegenteil: Unter dem Deckmantel der Behauptung einer trivialen personalen Ausstrahlung wird mit dem Ausdruck "Charisma" das aus dem religiösen Diskurs übernommene transzendente Signifikat in den profanen Diskurs eingeschrieben. Als polysemes, vages Schlüsselwort in politischen Diskursen entfaltet Charisma dann seine eigene Diskurslogik.

Zwar gibt es eine Vielzahl soziologischer, psychologischer und medientheoretischer Arbeiten zum Thema "Charisma", im Vortrag wird jedoch einem darin immer wieder angesprochenen Desiderat begegnet. Obwohl die Autoren betonen, dass Charisma vorrangig eine soziale Beziehung sei und die Medien Zuschreibungsprozesse verstärken oder erst herbeiführen, wurde Charisma bislang überwiegend aus der Perspektive des Charismaträgers analysiert. Oder es wurden persönliche und gesellschaftliche Zusammenhänge beschrieben, die eine Zuschreibung wahrscheinlich machen. Kommunikative Akte der Zuschreibung selbst wurden dabei bislang weitgehend ausgeblendet. Im Vortrag wird daher die Bedeutung von Charisma mit diskurslinguistischen Methoden (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011) in medialen Zuschreibungsprozessen exemplarisch rekonstruiert. Dabei wird u.a. verdeutlicht, dass es sich bei Charisma nicht nur um eine persönliche Identitätsfacette handelt, sondern, indem es innerhalb einer demokratischen Gesellschaft einem Politiker an- oder abgeschrieben wird, Mittel zur außerparlamentarischen Machtkonstruktion werden kann.

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Prof. Dr. Thomas Niehr (Aachen): Das Unbehagen an und in der Deskriptivität

In diesem Vortrag soll das Verhältnis von politischer Sprache, Sprachwissenschaft und Sprachkritik unter die Lupe genommen werden. Während die Sprachwissenschaft sich häufig auf das Deskriptionsgebot zurückzieht, schreibt die Sprachkritik sich die Kritik am herrschenden Sprachgebrauch auf die Fahnen. Dies führt teilweise zu vorschnellen und mit linguistischen Mitteln nicht zu rechtfertigenden Urteilen, die eher politisch als linguistisch motiviert sind. Für viele Sprachwissenschaftler ist eine derartige – politisch motivierte – Sprachkritik deshalb auch tabu.

Andererseits scheint aber auch der Rückzug auf bloße Deskription angesichts zu beobachtender sprachlicher Phänomene in der Sprache der Politik unbefriedigend. Es stellt sich somit die Frage, ob eine linguistisch begründete Sprachkritik möglich ist, die nicht bei bloßer Deskription stehenbleibt, aber andererseits die Regeln der sich als deskriptiv verstehenden Zunft nicht verletzt. Ist in diesem Bereich weiterhin vom "Scheitern der nicht-normativen Sprachkritik" (Roth 2004) auszugehen? Trägt eine solche den Namen "Sprachkritik" überhaupt zu Recht?

Diese und weitere Fragen scheinen immer noch aktuell und können in einem Vortrag sicherlich nicht abschließend beantwortet werden. Insofern versteht der Vortrag sich als Anregung zu weiterer Diskussion.

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Anna-Lena Dießelmann (Siegen): Zum Ausnahmezustand im Krisendiskurs in der BRD. Diskursanalytische Untersuchungen zur schleichenden Implementierung rechtlicher Neuerungen seit der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007

Ausnahmesituationen im Allgemeinen und Gipfelproteste im Besonderen sind Labore für den Testeinsatz, die Legitimierung und die dauerhafte Verankerung sicherheitspolitischer Strategien. In Momenten der Unsicherheit, des Risikos und der Bedrohung lassen sich nachhaltig Taktiken der Gefahrenabwehr und Risikoprävention verankern. So werden schleichend sowohl sonder- und außerrechtliche Maßnahmen als auch deren Legitimität implementiert.

Das exemplarische Material der Untersuchung stammt aus dem Themenfeld der Proteste zum G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 unter dem Motto "G8 Delegitimieren!". Wochenlang herrschte der Ausnahmezustand. Rechtliche Instanzen haben geurteilt, Parlamente diskutiert, Experten bewertet, Demonstrierende haben sich geäußert. Besonders deutlich lassen sich hieran die verschiedenen Strategien zeigen, mit denen konfligierende handlungsleitende und -legitimierende Konzepte verteidigt werden. Dieser Kampf um Diskurshoheit, Legitimität und Hegemonie im Hinblick auf Normalität wird an der Positionierung der BAO Kavala nachvollzogen, aber auch die schrittweise Verankerung von Notstandsgesetzen für den "Normalfall". Die BAO äußerte explizit den Anspruch auf die Setzung von Wahrheit und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Die Konsequenzen im Sinne veränderter Rechtsnormen werden nachgezeichnet. Der dieses Ereignis begleitende Diskurs wird zudem mit anderen relevanten Momenten des Sicherheitsdiskurs verglichen, um die allgemeine Grammatik der Ausnahmerhetorik herauszustellen.

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Holger Oppenhäuser (Marburg): Gespenster der Demokratie – Volk und Souveränität in diskurstheoretischer Perspektive

Gibt es eine Sprache der Demokratie und was lässt sich in ihr alles aussagen? Sicher ist jedenfalls, dass die moderne Demokratie mit bestimmten sprachlichen Figuren einhergeht. Dazu gehören unter anderem das Volk und die Souveränität. Genauer betrachtet handelt es sich dabei um recht gespenstische Figuren, die sich mal in dieser mal in jener Gestalt zeigen:

Für manche handelt es sich bei der Souveränität schlicht um die Gesetzgebungskompetenz im Rahmen demokratietheoretischer Modelle. Selbst ein Vertreter dieser Position wie Habermas kommt jedoch nicht umhin einen ‚semantischen Überschuss‘ in Rechnung zu stellen, nämliche eine Konnotation der absolutistischen Souveränität. Ist der Souverän also jene majestätische Gestalt, deren Kopf laut Foucault endlich auch in der politischen Theorie fallen sollte und die laut Carl Schmitt über den Ausnahmezustand entscheidet? Ist Souveränität eine Qualität staatlicher Instanzen und kann sie als solche zugleich dem Volk eigen sein?

Einem Volk zumal, das ebenso vielgestaltig erscheint. Handelt es sich beim Volk um eine soziale Kategorie, um eine Plebs gegenüber politisch-ökonomischen Eliten, um die 99%, die ‚democracia real ya’ fordern, um jene Mehrheit, die laut Colin Crouch in der Postdemokratie trotz formaldemokratischer Verfahren keinen Einfluss mehr hat? Ist das Volk schlicht eine verfassungsrechtliche Konstruktion, der Demos als Kern jener Verfahren, die politischen Entscheidungen demokratische Legitimität verleihen? Wie verhält sich dieser Demos zur Plebs und zu den genealogischen Mythen des Volkes samt ihren juridischen Stützen, die den Nationalisten heilig sind?

Was bedeutet es, wenn diese polymorphen Figuren durch politische Parolen geistern? Was bedeutete ‚Wir sind das Volk‘ 1989 in der DDR, 1999 als Schlachtruf von Horst Mahler und anderen gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und schließlich 2004 in den Protesten gegen Hartz IV? Was bedeutet es, wenn angesichts der europäischen Krisenpolitik von rechts bis links zur Verteidigung der (nationalstaatlichen) Souveränität aufgerufen wird und selbst das Bundesverfassungsgericht in seinen Europaurteilen auf diese Figur rekurriert, die sich als solche im Grundgesetz gar nicht findet?

Diesen Fragen soll im Beitrag nachgegangen werden, indem die gespenstischen Figuren mit Foucault profan-materialistisch als Elemente eines Diskurses begriffen werden. So sollen einige Belege für die These gesammelt werden, dass es in der Tat eine Sprache der modernen Demokratie gibt, nämlich ein Feld faktisch reproduzierter Aussagen, das bestimmte Teilmengen ausbildet und zwar durch spezifische Vereindeutigungen polysemer Elemente wie Volk oder Souveränität.

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PD Dr. Dorothee Meer (Bochum): Zeltdörfer im Burgenland – Zur Relevanz bildlicher Elemente für die politische Teilhabe von Flüchtlingen an der deutschen Mediengesellschaft

Nicht zuletzt ausgehend von Untersuchungen zu medien- und netzbasierter Kommunikation ist die Relevanz bildlicher Aspekte für aktuelle Formen der (politischen) Kommunikation erneut in den Blick gekommen (Fraas et al. 2013; Meier 2005; Schneider/Stöckl 2011; Stöckl 1998). Ausgehend von dieser semiotischen Ausweitung linguistischer Zugänge (auch) zu unterschiedlichen politischen Gattungen soll im Mittelpunkt meines Vortrags die Frage nach der Relevanz von Sprache-Bild-Verknüpfungen im Rahmen des politischen Diskurses gehen. Am Beispiel der Presseberichterstattung zu dem von Flüchtlingen errichteten Zeltdorf am Münchener Rindermarkt im Frühjahr 2013 wird es mir darum gehen, die sprachlich und bildlich realisierten Vorstellungsbilder zu analysieren, die die Wahrnehmung des Zeltdorfes in der Öffentlichkeit geprägt haben.

Auf der Grundlage eines kleinen On- und Offline-Korpus (FAZ, FR, SZ) von Medienberichten soll auf der Grundlage diskursanalytischer und semiotischer Annahmen dargestellt werden, wie das von einigen wenigen Flüchtlingen errichtete Zeltdorf zunehmend als Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit medial verarbeitet worden ist. Hierbei wird sich zeigen, dass den im Rahmen dieser Berichterstattung evozierten Bildern eine entscheidende Bedeutung für die Inszenierung der Bedrohung zukam, so dass die Räumung des Zeltdorfs und damit verbunden der erneute mediale Ausschluss der protestierenden Flüchtlinge vorrangig unter Nutzung dieser semiotischen Ressourcen prozessiert wurde.

Ausgehend von dieser kleinen empirischen Studie soll im Rahmen des geplanten Vortrags in einem ersten Schritt allgemein nach der Relevanz bildlicher Elemente für die öffentliche Wahrnehmung diskursiver Ereignisse gefragt werden. In diesem Zusammenhang wird zu zeigen sein, dass (nicht nur) das vorliegende medienöffentliche Ereignis kontinuierlich von Formen der bildlichen Realisierung begleitet wurde und dieser bildlichen Komponente entscheidende Bedeutung für die öffentliche Legitimation hieran anschließender politischen Entscheidungen zukommt. Es wird sich zeigen, dass die Chancen von Flüchtlingen, sich politisch öffentliches Gehör zu verschaffen, jenseits ihrer juristischen Möglichkeiten entscheidend dadurch begrenzt werden, dass es ihnen kaum gelingen kann, sich gegen den Einfluss vorhandener Bilder positiv (bildlich) zu positionieren. Hieran anschließend soll aus der Perspektive der praktischen Operationalisierung in einem zweiten Schritt danach gefragt werden, welche potenziellen Möglichkeiten politische Gruppen (beispielsweise Unterstützungsgruppen im Bereich der Füchtlingspolitik) haben, die hohe Relevanz bildlicher Informationen so für sich arbeiten zu lassen, sodass Flüchtlinge eine (zumindest theoretische) Chance auf eine positive öffentliche Wahrnehmung und damit den Zugang zu bundesrepublikanischen Mediengesellschaft haben.

Fraas, Claudia/Meier, Stefan/Pentzold, Christian. 2013. Online-Diskurse. Theorien und Methoden transmedialer Online-Diskursforschung. Köln: Herbert von Harlem Verlag.
Meier, Stefan (2005): Zeichenlesen im Netzdiskurs – Überlegungen zu einer semiotischen Diskursanalyse multimedialer Kommunikation. In: Fraas, Claudia/Klemm, Michael (Hrsg.): Mediendiskurse. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Frankfurt et al.: Lang,123-141.
Schneider, Jan Georg/Stöckl, Hatmut. 2011. Medientheorie und Multimodalität. Ein TV-Werbspot – Sieben methodische Beschreibungsansätze. Köln: Herbert von Harlem Verlag.
Stöckl, Hatmut (1998). (Un-)Chaining the floating image. Methodische Überlegungen zu einem Beschreibungs- und Analysemodell für die Bild/Textverknüpfung aus linguistischer und semiotischer Perspektive". In: Kodikas/Code. Ars Semiotica, Volume 21. No 1-2, Tübingen, 75-98.

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